Lippe-Rose
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Gedanken

Das Hermannsdenkmal im englischen Gefangenenlager

Im Frühjahr 1945 gerieten wir in Kriegsgefangenschaft. Die Engländer transportierten uns nach Belgien zunächst auf Lastwagen, dann zu je 50 Mann in Güterwaggons der Eisenbahn, natürlich unter scharfer militärischer Bewachung. Dieses  Begleitpersonal faßte uns wahrlich nicht mit Samthandschuhen an, auch filzte es uns immer wieder und ließ uns mächtig hungern. Wir ertrugen alles mit Gelassenheit, wie halt überall in der Welt es Kriegsgefangene zu tun pflegen, wenn für sie der Krieg erst mal aus ist. Was kann jetzt noch groß passieren! Hauptsache, man war wenigstens nicht dem Russen in die Hände gefallen. Nun wird nicht mehr geschossen, auch kann man endlich wieder ruhig schlafen. Und das nahe Kriegsende war uns Mitte April 1945 deutlich erkennbar. Nun kann es bald wieder aufwärts gehen, langsam, aber sicher wird sich jetzt alles wieder normalisieren und damit besser werden.

Mit solcher Zuversicht verbrachten wir zu vielen Tausenden die milden Sommermonate im englischen Kriegsgefangenenlager Jabbeece, nahe bei Ostende, im Camp 2224, ich mit der P.O.W.-Nr. B. 314231.  Alle waren wir froh und dankbar, lebend und mit heilen Gliedern dem totalen Krieg Hitlers entronnen zu sein. Was uns allerdings bedrückte, war die Ungewißheit um unsere nähere Heimat mit unseren. Lieben, bestand doch bis Anfang 1946 für uns Gefangene ein absolutes Schreibverbot, d.h., es konnte auch keinerlei Post von uns empfangen werden.

 

Eine Chance

 So genossen wir die geruhsamen und gnädigen Sommermonate, diskutierten viel über die jüngste deutsche Vergangenheit und Zukunft, besuchten gern die zahlreich aus eigenen Reihen angebotenen Vorträge aller Art, bildeten einen Gefangenenchor, spielten Skat und schimpften immer wieder über die erbärmliche Hungerkost. Wir magerten sichtlich mehr und mehr ab, und als der Herbst und damit kältere Tage kamen, machten wir uns große Sorge darüber, wie wir den bevorstehenden Winter bei solcher Ernährung lebend überstehen sollten. Und als schließlich die naßkalten Stürme von der nahen Nordsee durch unsere Lagergassen bis in unsere zugigen und ungeheizten Baracken (Viehhallen) peitschten, sank bei uns allen das Stimmungsbarometer tiefer und tiefer. Und als dann die längst zu knappen Tagesrationen noch weiter gekürzt wurden und keine Aussicht mehr bestand, bald entlassen zu werden, überfiel uns Verzweiflung. Durch eine Abordnung machten wir dem Lagerkommandanten den Vorschlag, von den uns abgenommenen Geldern Lebensmittel für unser Lager zu kaufen, was aber prompt abgelehnt wurde. Man gab uns aber eine kleine Chance: unsere Unterkünfte zu Weihnachten festlich zu gestalten! Den Siegern sollte dafür an den Weihnachtstagen ein Verpflegungszuschlag winken.

Das aber war doch ein ge­radezu frivoles Angebot. Wir bet­telarmen Gefangenen, die nur das besaßen, was wir auf dem Leibe trugen (vielen fehlten so­gar Mütze und Mantel), von Mes­sern, Scheren, Uhren oder gar Werkzeugen ganz zu schweigen, sollten die kahlen, schmutzigen Viehhallen weihnachtlich schmücken und gestalten! Und doch, die deutschen Kriegsge­fangenen machten es möglich, machten es wirklich wahr. Ein Wunder wurde Wirklichkeit

 

An der Kopfseite . . . 

Wie aber war das möglich? Nun, unser Offizierslager hatte viele tüchtige Leute mit sehr viel Zeit und Muße. So wurde der Vorschlag des Lagerkommandanten aufgegriffen, und schon hub ein tolles Planen und Schaffen an. Das deutsche Wunder nahm seinen Anfang.  Zunächst einmal mußten die schmutzigen Hallenwände weiß gestrichen werden. Aber womit denn? Woher Kalk und Pinsel nehmen? Beides wurde es von der Lagerleitung gestellt. Gewiß, weißes Lausepulver gab es reichlich hier. Daraus ließ sich eine weiße Kalkbrühe anrühren, die mit alten Besen aufgetragen wurde. Jetzt galt es, diese schneeweißen Wände zu verzieren. Aber wie denn? Gewiß, Maler und auch Künstler befanden sich unter uns. Aber diese doch nur mit leeren Händen, ohne Pinsel und ohne Farben. Aber in der Lagerküche standen doch große Kochkessel mit Ölbrennern und damit Ruß an den äußeren Kesselböden. Also her damit und dann fleißig gemalt, aus der Erinnerung, nur so aus dem Gedächtnis, allein mit dem Ölruß. Und bald schon grüßten von den Wänden die schönsten Bilder der stolzesten deutschen Bauten: Kölner Dom, Ulmer Münster, Brandenburger Tor, Dresdener Zwinger und an der Kopfseite über dem Halleneingang ganz groß der Teutoburger Wald mit dem Hermannsdenkmal.

 Die Handwerker unter uns machten sich inzwischen über die vielen "goldenen" und "silbernen" leeren Konservenbüchsen aller Formen und Größen her und hämmerten, trieben und ziselierten daraus nette Gebrauchsgegenstände und feinere Metallsachen so vielseitig, daß man nur staunen konnte: Dosen, Behälter, Becher, Vasen, Kästchen, runde, ovale, eckige, kleine und größere, schlanke und bauchige, vor allem aber Sterne und nochmals Sterne in jeder Zackenzahl und Größe, die zu langen Stern ketten aufgereiht wurden. Das Hämmern und Treiben mit Hilfe von rostigen Schraubenköpfen, Steinen und Nägeln wurde so toll, daß schließlich das Einhalten der Mittagsruhe von der Lagerleitung befohlen werden mußte.

 

Zorniger Kommandant.. 

Stiller dagegen arbeiteten die Zeichner und Maler, die auf Packpapier oder alten Kartons ihre Gedanken und Ideen mit viel Können und Phantasie festlegten. Andere wieder schnitzten mit angeschliffenen Blechresten aus alten Bauhölzern feine Krippen und Figuren. Noch heute sehe ich vor mir einen Kameraden, in seiner Jugend hatte er Schafe gehütet, auf seinem Lager sitzend in Mantel und Decke gehüllt, wie er sich ein Paar Handschuhe strickte mit Stricknadeln aus Draht, das Garn aus einem alten Sack gezupft und gerupft.

So kam denn schließlich der Heilige Abend 1945 heran. Das Hämmern und Basteln hatte aufgehört, die goldsilbernen Sternketten hingen in der Halle, von den Wänden die herrlichen Bilder der Heimat strahlten, die einzelnen Bettnischen verziert und geschmückt mit all den gebastelten Arbeiten, Bildern, Fotos, Krippen, Schach- und sonstigen Figuren und Gegenständen.

In unsere Schlafdecken gehüllt, erwarteten wir frierenden und hungrigen Gefangenen den Lagerkommandanten zur Besichtigung und Preisentscheidung. Schließlich kam er mit einem Rudel Begleitern auch in unsere Halle. Stolz und unnahbar schritt der sehr gewichtige und wohlgenährte Offizier mit der Reitpeitsche in der Hand interessiert und offensichtlich beeindruckt durch unsere weihnachtlich geschmückte Unterkunft, hin und wieder mit dem Kopf nickend: erste Längsseite, erste Kopfseite, zweite Längsseite und schließlich zweite Kopfseite, wo auf weißer Wand inmitten wal­iger Höhenzüge Hermann der Cherusker mit erhobenem Schwert prangte. Jetzt stutzte der Kommandant, wurde böse, feuerrot vor Zorn und rief laut: Sofort auslöschen! Was blieb uns Machtlosen schon anderes übrig, als wiederum Lausepulver anzurühren und das stolze Bild vom Hermannsdenkmal auszulöschen. Doch einen Trost hatten wir indes. Wir gingen trotz Hermannsdenkmal als Sieger aus dem weihnachtlichen Lagerwettbewerb hervor und erhielten an den Weihnachtstagen, die sich in keiner Weise von der Trostlosigkeit aller anderen Lagertage unterschieden, den vorgesehenen bescheidenen Nachschlag am Mittag und eine etwas größere Brotration. So konnten wir uns an den beiden Feiertagen wenigstens halbwegs mal satt essen. Das aber war für uns Betroffenen sicher das schönste Weihnachtsgeschenk unseres ganzen Lebens!

 

Der römische Denar

Schmutzverkrustet wurde er neben dem alten Handelsweg durch den heutigen Teutoburger Wald gefunden. Wie er dahingekommen war, dieser römische Denar... Nun, vielleicht hatte ihn ein römischer Legionär verloren, vielleicht war er einem einheimischen Händler beim Geldwechseln aus der Hand gerollt wir wissen es nicht ...! Jetzt liegt dieser nach so langer Zeit dem Erdboden zufällig wieder entrissene, vom anhaftenden Schmutz gesäuberte Denar in einer Vitrine des Museums. .Beim Anblick dieses alten Geldstücks erstehen vor mir das Leben und das Treiben der damaligen Zeit, einer längst versunkenen Welt.. .! Diese Münze hat viele spätere Menschengenerationen und Staaten überdauert. Alle, die sie einst in ihren Geldtaschen trugen, sind längst zu Staub und Asche geworden. Dieser Denar, Symbol und Zahlungsmittel eines vergangenen mächtigen Reiches, hat keinen Kurswert mehr in den Ländern, in denen er vormals ­von Britannien bis fast nach Indien - gültig war. Aber die Patina der Historie hat dieses kleine Stückchen Metall wertvoll werden lassen, auch wenn das eingeprägte Bildnis des als Gott verehrten Kaisers, dessen Name längst im Winde der Geschichte verwehte, unscharf und verwittert ist. Betrachtet man diesen Denar, den metallenen Zeugen damaligen Glanzes und ehemaliger irdischer Macht und Herrlichkeit, dann glaubt man fest, noch den stampfenden Marschtritt der berühmten Legionen Roms zu hören. Fast scheint es mir auch, als strahle der Denar noch immer etwas von der Wärme einstmals ihn umschließender Hände aus und als spiegele er die Gesichter derer wider, denen er zeitweilig gehörte. . .

Könnte der Denar reden, dann würde er berichten, wie es damals hier in der Gegend um den heutigen Teutoburger Wald herum aussah ... Bei längerer Betrachtung des so weit gereisten Denars meine ich aber, er würde viel lieber noch in den Geldbeuteln römischer Bürger, Gladiatoren, Legionäre, Händler und Tänzerinnen liegen und die rhythmischen Ruderschläge auf den römischen Kriegsschiffen, die Kommandorufe der Centurionen, das Geschrei der aufgeregten Menge im Amphitheater und das weinselige Lallen trunkener Tavernengäste hören wollen, als jetzt - von allem pulsierenden Leben total abgeschlossen - nur noch in einer Museumsvitrine zu ruhen. . .

 

 

 entnommen einer Sonderbeilage der Lippischen Landeszeitung aus dem Jahre 1975

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