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Symbol & Sinnbild

Symbol oder Sinnbild

Ernst von Bandel, geboren am 17. Mai 1800 zu Ansbach, gestorben am 25.September 1876 in Neudegg bei Donauwörth, beigesetzt auf dem Engesohder Friedhof in Hannover, ist der Schöpfer des Hermannsdenkmals, an dem er bis 1875 unter größten persönlichen Opfern ein Menschenalter hindurch gearbeitet hat. "Setze dein und mein Vermögen, setze Familienwohlfahrt und alles aufs Spiel und erfülle dein Lebensideal, mache deinen Armin" , war der Rat seiner Frau. Bandel setzte sein ganzes 120000 Mark betragendes Privatvermögen ein; von den 90000 Talern Gesamtkosten steuerte er 40000 Taler bei. Erst nach langem Drängen war er zu bewegen, ein seinem ersten Gehilfen entsprechenden Tageslohn für sich in Rechnung zu stellen. "Wenn's auf mich ankäme, so lebte ich von Schwarzbrot und rohen Rüben, wenn ich dadurch das Denkmal vollenden könnte", schreibt er am 15. September 1852 an seinen Freund, den Maler und Kammerregistrator Wilhelm Tegeler in Detmold, eine Haltung, die nach menschlichem Ermessen ohne Beispiel bleiben dürfte: Zeichen von Opferbereitschaft und Selbstlosigkeit, Dienstbereitschaft und Leistungswillen, Werte, auf die eine Gesellschaft, Staat und Volk, nicht verzichten kann, ein Vorbild für unsere an Vorbildern so arme Zeit.

Dieses Urtei1 fällt auf uns selbst zurück, weil unser ständiges Gelddenken kein Verständnis für persönliche Opfer um einer Idee willen aufbringen kann. Eine leistungsfeindliche und ordnungsfeindliche "Freiheit" greift daher immer mehr um sich. Doch nur der von Tugenden getragene moderne Staat kann ein freiheitlicher Staat sein. Von Carlo Schmids Mahnung 1956 im Deutschen Bundestag: "Man kann einen Staat nicht nur auf Prinzipien aufbauen, man braucht auch Vorbilder, das ist der Sinn der Tradition", hat bis zur Stunde niemand Notiz genommen.

Das Hermannsdenkmal soll an den Cheruskerfürsten Arminius erinnern, der im Jahre 9 n. Chr. in der Schlacht im Teutoburger Walde den römischen Statthalter und Oberbefehlshaber in Germanien, Quintilius Varus, mit drei Legionen vernichtet hat. Die Schlacht wird daher auch Varusschlacht, aber auch Hermannsschlacht genannt. In der modernen Kriegsgeschichtsschreibung wird sie zu den 20 entscheidenden Schlachten der Weltgeschichte gezählt und in ihren Auswirkungen und Folgen mit der Schlacht von Stalingrad 1942/43 gleichgesetzt.

Arminius vereinigt in seiner Gestalt alles, was zu einer Symbolfigur gehört: jugendliches Alter, von Freund und Feind anerkannte Leistungen, tragisches persönliches Schicksal und früher gewaltsamer Tod. So wurde er denn verständlicherweise gleichermaßen zum Objekt naiver Bewunderung wie zweckbestimmter Interpretationen.

Die Texte in den Außennischen des Denkmalsockels, in denen von Arminius, dem "Befreier Deutschlands" die Rede ist, und von den Freiheitskriegen, von Preußen, von Vaterland und Freiheit, vom Kaiser Wilhelm, der dem "Retter Armin" gleich "welsche Macht und Tücke" überwand und vom gezüchtigten "französischen Übermut" berichtet wird und gar die Worte auf dem erhobenen Schwert "Deutsche Einheit meine Stärke - Meine Stärke Deutschlands Macht" sind allen denen suspekt, die, aus welchen Gründen auch immer, ein gestörtes Verhältnis zur deutschen Geschichte haben. Für sie ist das Hermannsdenkmal eine Manifestation von Nationalismus, Chauvinismus und Militarismus, Symbol und Sinnbild für preußisch-deutschen Ungeist, den man samt dem Denkmal am liebsten auf den Müllhaufen der Geschichte werfen möchte, wenn man könnte, aber einen solchen Müllhaufen gibt es nicht, so sehr man nach einem solchen suchen mag: Geschichte ist unabschüttel bar. Richtig ist dies:

"Das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Geschichte war seit jeher gekennzeichnet durch Ignoranz der tatsächlichen Vorgänge, durch die Manie, Ereignisse von gestern mit den Maßstäben von heute zu messen, durch das Bedürfnis nach politischem Alibi. Geschichtsschreibung ist in Deutschland immer auch Weltanschauung, und zwar dem gerade herrschenden Trend an­gepaßte. In der Bewertung der Eigenschaften und Leistungen ihrer geschichtlichen Persönlichkeiten verlieren sich die Deutschen daher nicht selten in Anklagen und Urteilen von einer pro­vinziellen Emotionalität, die das Lächerliche streift." (Hans-Georg von Studnitz)

Der Historiker hat aber nicht zu richten, sondern zu verstehen. Ereignisse haben ihre eigenen Maßstäbe. Ein Mensch wird aber nach dem gemessen, was er unternimmt, und nicht nur nach dem, was er erreicht.

Nach dem Willen und den Vorstellungen Bandels, dessen geistige Haltung entscheidend durch die Freiheitskriege gegen Napoleon geprägt wurde, sollte das Hermannsdenkmal die Deutschen zur Einigung aufrufen. In einem Brief vom 11. August 1875, fünf Tage vor der Einweihungsfeier des Denkmals, an seinen Freund, den Journalisten und Literaturhistoriker Hermann Uhde, hat Bandel die Aufgabe seines Werkes zum letztenmal umrissen: "Gott, der der Menschen Gedanken leitet, hat gewollt, daß ich unserem Volke ein Mal setze zur Erstarkung brüderlicher Einigkeit. Er hat mir die Kraft zur VolIbringung seines Willens gegeben. Ihm allein die Ehre! Möge Deutsches Volk immer erkennen, wodurch es des Allmächtigen Schutz und Gnade erhalten kann, und möge meiner Hände Werk nie mehr zu einem Mahnzeichen herabsinken."

Ein Jahr danach starb Bandel. Pastor Braune von der Gartenkirche in Hannover schloß seinen Nachruf mit den Worten: "Wohl selten war ein Mann sich seiner Aufgabe so bewußt, dem es vergönnt war, nach vielen Jahren des Kampfes und der rastlosen Arbeit sagen zu können: Es ist vollbracht! Er ist berühmt geworden durch sein Werk in allen deutschen Gauen dadurch, daß er den Einheitsgedanken des deutschen Volkes in Erz und Stein verkörperte und indem er mit eiserner Energie es vollendete, hat er bei allen deutschen Stämmen ein unvergeßliches Denkmal sich errichtet."

Ereignisse haben, wie gesagt, ihre eigenen Maßstäbe. Die Verhältnisse haben sich geändert. Geblieben sind die Axiome des Lebens, die sich nicht nach Mark und Pfennig, nach Metern und Tonnen, nach Umsätzen und Zuwachsraten messen lassen: Volk und Vaterland und Einheit in Freiheit. Eine Besinnung auf zeitlose Werte ist nötig. Wir brauchen einen "Geist wider den Geist der Zeit".

Wenn es auch zwei vergleichbare politische Situationen nicht gibt, Tatsache ist, daß die deutsche Kleinstaaterei den damaligen Großmächten genauso sympathisch war, wie die heutige Teilung Deutschlands mit Befriedigung vom Ausland zur Kenntnis genommen wird. Ein Beispiel mag für viele stehen: Der ehemalige Labourminister Richard Crossmann äußerte sich nach einem Besuch in der "DDR": "Bei meinem Abschied konnte ich nicht einen Seufzer der Erleichterung darüber unterdrücken, daß Deutschland so sicher geteilt ist. Eine Phalanx von 17 Millionen Deutschen auf dem Wege zum Sozialismus reicht mir. Es ist eine Erleichterung, daß der Ehrgeiz von sechzig Millionen Westdeutschen durch kapitalistischen Wohlstand aufgesaugt wird." (Zu lesen in der "Zeit" Nr. 53, 1971, S. 2.)

Die Wiedergewinnung der deutschen Einheit in Freiheit ist damals wie heute ausschließlich eine Frage der Macht, heute weitaus mehr als vor hundert Jahren. War sie damals eine europäische Frage, so ist sie heute eine Frage der Weltpolitik, ausschließlich von der Konstellation der Weltmächte abhängig. Jeder, der einen einigermaßen brauchbaren Geschichtsunterricht gehabt und aufgepaßt hat, weiß, daß Weltgeschichte Machtgeschichte ist.

Der französische Schriftsteller Georges Bernanos (1888-1948), der den Kampf gegen das Böse in den Mittelpunkt seines Werkes stellt, einer der Hauptvertreter der christlichen Literatur, sieht die "Realitäten" der Weltpolitik keineswegs mit christlichen Maximen, ganz im Gegenteil: "In einer bis zu den Zähnen bewaffne:en Welt ist der Richter, der im Namen des Internationalen Völkerrechts wirklich Recht sprechen will, schließlich nur noch eine Art Witzfigur, der überlebende einer versunkenen Epoche." Auf die Wahrheit gibt es keine Antwort.

Die deutsche Teilung ist aber weder heute noch morgen zu Ende oder für alle Zeiten vorgezeichnet und festgeschrieben. Die gegenwärtigen Gegebenheiten sind ebensowenig endgültig und unabänderlich, wie es irgendwelche andere vor ihnen waren. Polen ist ein eindringliches Beispiel für den geschichtlichen Wandel der Zeit. Geschichtlich denken heißt über uns selbst hinaus in langen Zeiträumen denken und unbeirrt an unserer geschichtlichen Vergangenheit festhalten, die weder mit Marx noch mit Hitler beginnt. Die Freiheit aber bedarf der Zuversicht, daß auch die Systeme der Unfreiheit in unserer Gegenwart nicht in Ewigkeit dauern werden.

Das Hermannsdenkmal kann auch heute noch der von Bandel gesetzten Aufgabe gerecht werden:

Symbol und Sinnbild deutscher Einheit in Freiheit

zu sein.

 

entnommen einer Sonderbeilage der Lippischen Landeszeitung aus dem Jahre 1975

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