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Das Hermannsdenkmal sollte beseitigt werden

 

Am 20. August 1950 fand der Versuch sein unrühmliches Ende, das Hermannsdenkmal beseitigen zu wollen. Wie konnte konnte solch eine Absicht überhaupt aufkommen, wird man heute erstaunt fragen.

Es soll hier versucht werden, die damaligen Vorstellungen, aus denen diese Bemühungen entsprangen, nachzuvollziehen. Wir müssen uns dabei allerdings klarmachen, daß nach den 30 Jahren, die seit Kriegsende vergangen sind, die meisten Vorstellungen nicht mehr so emotionell geladen sind, wie das da­mals der Fall war. Heute billigt man Nationaldenkmälern wieder eine gewisse Berechtigung zu, zumal denen im weiteren Sinne, weil sie eng mit der Geschichte eines Volkes verbunden sind und dessen Wesen symbolhaft kennzeichnen, wie z. B. bei den Engländern die Westminster Abbey, bei den Franzosen die Krönungskirche Saint-Denis und bei den Deutschen der ehrwürdige romanische Dom zu Speyer.

Zur Selbstdarstellung eines Volkes erfüllen die Nationaldenkmäler immer eine besonders wichtige Funktion: So wie das Feldzeichen dem Soldaten in der Schlacht seine Kampfmoral heben soll, erwarten die Initiatoren von Nationaldenkmälern eine erhöhte Selbstbesinnung auf vaterländische Gefühle und Pflichten. Sie sind mehr oder weniger Erfindungen des 19. Jahrhunderts, als man anfing, nationalstaatlich zu denken und zu handeln.

In diesem Jahr des Europäischen Denkmalschutzes wird man natürlich schutzwürdige Gebäude und Gebäudekomplexe, überhaupt Kultur-, Bau- und Bodendenkmäler, zu schützen bzw. zu retten suchen. Aber immer noch denkt man in unseren Landen  wenn man das Wort "Denkmal" hört - in München an die Bavaria, in Hamburg an das Bismarck-Denkmal und für alle übrigen diesseits und jenseits des Mains an unser Hermannsdenkmal!

 

Für Lipper ein Symbol

Ist es schutzwürdigend? Für uns Lipper ist es mehr als ein Nationaldenkmal. Es gehört zu unserer lippischen Heimat als ein Symbol, mit dem wir seit frühesten Kindheitstagen in einem besonderen Verhältnis stehen. Ich darf wohl die Behauptung wagen, daß es für die meisten Lipper ein Symbol Ihrer Selbstdarstellung ist.

Vor dreißig Jahren hatte man weitgehend diese beziehungsreiche Vorstellung aufgegeben. Wie kam es dazu?

Schon während des Zweiten Weltkrieges fanden im westlichen Ausland Anschauungen weitgehend Anerkennung, die als die Wurzeln des unseligen Völkermordens durch den Krieg den blindwütigen Patriotismus in Deutschland, und zwar vorwiegend in Preußen, ansahen und dafür verantwortlich machten. Am deutlichsten hat wohl Friedrich A. von Hayek dieser Vorstellung Raum gegeben in seinem Buch "The Road to Serfdom" (Der Weg zur Knechtschaft), das noch während des Krieges im Jahre 1944 erschien und inzwischen in mehr als zehn Sprachen übersetzt wurde.

Als besonders markante Symbole jenes übersteigerten Nationalgefühls sah man nach der deutschen Kapitulation die zahlreichen Nationaldenkmäler an, wie sie sich u. a. im Tannenberg-Denkmal, dem Bismarck-Denkmal in Hamburg, dem Niederwald-Denkmal und auch dem Hermannsdenkmal manifestierten. 

Im Zweiten Weltkrieg unternahmen die Alliierten Bombenwürfe gegen das Hermannsdenkmal, dem sie irrtümlich für den drahtlosen Nachrichtenverkehr der deutschen Truppen einen strategischen Wert beimaßen.

Nach den ersten Phasen des Wiederaufbaues setzten mehr oder weniger gezielte Pressekampagnen gegen diese monströsen Nationaldenkmäler ein. Es erweist sich stets als beliebter journalistischer Gag, das Hermannsdenkmal als solches anzugreifen, weil über die Örtlichkeit der Varusschlacht immer wieder Theorien auftauchen, die den Schauplatz vom jetzigen Teutoburger Wald und dem Standort des Denkmals distanzieren.

Als dann der "Spiegel" am 8. Juni 1950 (Nr. 23, p. 11/12) unter dem Vorwand, daß Professor Friedrich Langewiesehe die örtlichkeit der Varusschlacht an ganz anderer Stelle als bei der Grotenburg lokalisiert habe, gegen den jetzigen Standort des Hermannsdenkmals unangenehm polemisierte, schaltete sich eine wenige Wochen zuvor in Detmold gegründete Antikriegsorganisation ein: der "Friedensring".

 

Eine Kommission

Erstmalig wurde im "Friedensring", der zu jener Zeit sich schon für ganz Ostwestfalen konsolidiert hatte am 17. Juli öffentlich gegen das Hermannsdenkmal und seine angeblich kriegshetzende Tendenz Stellung bezogen, um künftigen Mißbrauch unmöglich zu machen. Außerdem hatte sich Prof. Fr. Langewiesche in einer Leserzuschrift an den "Spiegel", die am 29. 6. 1950 (Nr. 26, p. 43) abgedruckt wurde, zum Hermannsdenkmal bekannt.

Letzten Endes drängten vor allem Ortsfremde auf vollständige Beseitigung des Hermannsdenkmals. Es gelang die Einsetzung einer besonderen Kommission, die sich mit dem zukünftigen Schicksal des Denkmals zu befassen hatte. Wenngleich auch das "Kuratorium Hermannsdenkmal" durch Oberregierungsrat Seyffart vertreten war, gelang es schließlich nur den gemeinsamen Bemühungen, die Beseitigung zu verhindern.

Das damalige Bemühen, das Denkmal zu vernichten, leitete die sattsam bekannte Phase ein, durch tabu la rasa die Vergangenheit zu "bewältigen"; ein Prozeß, der noch nicht abgeschlossen ist und vornehmlich die jüngeren Generationen als Anhänger findet. Aus der Vorstellung, die unseligen Folgen des Krieges nicht mittragen zu wollen, weil sie nicht daran mitschuldig waren und auch nicht unter eine Kollektivschuld fielen, lehnen viele der erst während oder nach dem Zweiten Weltkrieg Geborenen die Geschichte und die damit im Zusammenhang stehende Mitverantwortung als Glieder einer Kette ab.

 

Eine Gedenktafel

 In der seinerzeit gebildeten Kommission konnten diese Gedanken ausführlich diskutiert werden. Langsam fand die Anzahl jener Beauftragten, die die Erhaltung des Denkmals wünschten, immer mehr Gleichgesinnte, weil es natürlich keine Lösung bedeutete, wenn das Denkmal verschwunden wäre. Bandeis Vorstellungen, die ihn zur Errichtung gedrängt hatten, mußten im Laufe der Zdit schon Änderungen hinnehmen: Der 1870/71 siegreich gegen Frankreich geführte Krieg und die von allen Deutschen gewünschte Reichsgründung veranlaßten die Blickrichtung des Arminius nach Westen; antifranzösische Proklamationen im Unterbau betonten dann noch diese politische Funktion.

Während des "Dritten Reiches" vermieden es die braunen Machthaber geflissentlich, offiziell Vertreter des faschistischen Italiens - vor allem auch den Duce selbst - zum Hermannsdenkmal kommen zu lassen, weil dort die "Achse Berlin - Rom" unterbrochen war: Der Fuß des siegreichen Arminius auf dem römischen Liktorenbündel hätte sonst vielleicht beseitigt werden müssen. Und nun wollte man dem Denkmal wieder eine neue Funktion aufzwingen, indem es verschwinden sollte.

Als die Erkenntnis sich durchzusetzen begann, daß das Hermannsdenkmal das Symbol des Einigungsstrebens aller Deutschen sei und deshalb erhalten bleiben müßte, nahm der Gedanke immer mehr Raum, dann wenigstens die antifranzösischen Inschriften zu beseitigen. Aber diese Absicht konnte mit den Argumenten verhindert werden, daß damit ebenfalls eine Geschichtsfälschung vorgenommen würde. Es hat sich gezeigt, daß die Verständigungs­und Versöhnungspolitik, die Konrad Adenauer und Charles de Gaulle erfolgreich eingeleitet haben, durch die Parolen am Hermannsdenkmal nicht gestört worden sind.

Schließlich setzte sich der Gedanke durch, an läßlich einer Gedenkfeier am 20. August 1950 eine Gedenktafel zu errichten. Zuerst war beabsichtigt, dieselbe an der Treppe oder neben dieser am Sockel des Denkmals anzubringen. Es bot sich dann wie von selbst der Granitstein der Pankgrafen an, der wenige hundert Meter völlig unbeachtet stand. Der Architekt Ehlers, Detmold, Heidmanstraße 10, wurde beauftragt, den Granitstein auf den Gipfel der Grotenburg zu schaffen und nicht zu nah am Denkmal aufzustellen; ferner sollte er für die Herrichtung der Gedenktafel Sorge tragen. Bei einer Ortsbesichtigung am 11. 8. durch den Initiator des Friedensringes sowie der Frau Fricke und den Verfassern wurde der geeignete Standort für die Aufstellung des Steines ausgewählt. Das Anbringen der Gedenktafel erfolgte am 19. August.

Die Feierstunde am 20. August bestand aus einer machtvollen Kundgebung im Landestheater in Detmold, und anschließend erfolgte am Denkmal die Enthüllung der Gedenktafel mit den Worten:

"Deutsche Frauen und Männer bekennen sich anIäßllch des 75­jährigen Bestehens des Hermannsdenkmals einmütig zur Einigung der Völker durch den Frieden. 20. August 1950.

 

Liebe zur Heimat

Eigentlich hätte das Thema der Wiedervereinigung mit den geteilt in Ost und West lebenden deutschen Brüdern und Schwestern im Brennpunkt der Gedenkplatte stehen sollen; aber damals bestimmten andere Schwerpunkte das politische Leben.

Abschließend darf mit großer Befriedigung festgestellt werden, daß quer durch die politischen Parteien und Gruppen aus Liebe zur Heimat ein gemeinsames Handeln gegen die Beseitigung des Hermannsdenkmals zustande kam. Obgleich durch einen Federstrich der britischen Besatzungsmacht das Land Lippe im größeren Land Nordrhein-Westfalen . Dank des Verhandlungsgeschicks von Heinrich Drake aufgegangen war, fühlten wir uns alle immer noch als Lipper und handelten entsprechend. Dieses Verhaftetsein an den Status eines altdeutschen Kleinstaates kam vielen Zeitgenossen damals als etwas Unbegreifliches vor. Aber mich dünkt, diese alte Tradition, ein Lipper zu sein, wenn es' um die angestammte alte Heimat geht, wird auch weiterhin Bestand haben und durch das Hermannsdenkmal sein sichtbares Symbol behalten. das es zu bewahren gilt.

 entnommen einer Sonderbeilage der Lippischen Landeszeitung aus dem Jahre 1975

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